Über falsche Annahmen und Stereotypen
Wenn ich mich als Diabetikerin oute, höre ich oft dieselbe Frage: „Welcher Typ? Der angeborene oder angefressene?“ Mittlerweile nervt mich diese Frage zunehmend. Meine Antwort ist neuerdings ein emotionsloses: „Keine von beiden“ mit der oft herablassenden Reaktion: „Es gibt doch nur diese beiden Varianten!“


Veraltete Annahmen ...
Natürlich ist es richtig, dass die meisten Diabetiker entweder Typ 1 oder Typ 2 Diabetes haben. Jedoch ist es nicht zielführend, tradierte Annahmen aus dem letzten Jahrhundert unkritisch auf alle Fälle zu übertragen. Weder ist Typ 1 Diabetes beim Großteil der Betroffenen angeboren, noch ist Typ 2 zwangsläufig „angefressen“, wie es manche abschätzig behaupten. Es gibt zudem auch andere Formen von Diabetes, die durch Medikamente, Erkrankungen oder andere Faktoren verursacht werden (oft unter Typ 3 subsummiert).
Die Kenntnisse über die tatsächlichen Ursachen für eine Diabeteserkrankung sind gesellschaftlich nicht mehr auf den neuesten Stand, was vielfach zu Missverständnissen und falschen Annahmen führt. Leider auch bei medizinischem Fachpersonal.
... halten sich hartnäckig
Warum ist die Diabetes-Aufklärung in unserer Gesellschaft so mangelhaft? Selbst niedergelassene Ärzte sind oft nicht in der Lage, die Unterschiede zwischen den beiden gängigen Typen richtig zu erkennen. Zwei gravierende Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung:
Falsche Diagnose trotz deutlicher Symptome:
Nachdem ich bis Januar 2019 ungewollt 30 kg innerhalb von 14 Monaten abgenommen hatte und eines Tages völlig atemlos zu meinem Hausarzt kam, diagnostizierte er bei mir die Erkrankung 'Typ 2 Diabetes' und behandelte mich mehrere Monate mit Tabletten. Meine Blutzuckerwerte (HbA1C-Wert von >15 %) änderten sich kaum, ich vertrug die Medikamente nicht und wurde zunehmend besorgt wegen möglicher Spätfolgen für meinen Körper. Aber auch ungeduldig aufgrund der ausbleibenden positiven Entwicklungen.Dennoch weigerte sich mein eigener Hausarzt, mich anders als mit den bereits verschriebenen (und wirkungslosen) Medikamenten zu behandeln. Als die Lage zwischen uns zu eskalieren began, fragte er mich eines Tages: „Soll ich Ihnen etwa Insulin spritzen? Ist es das, was Sie wollen?“ Na klar: „Wenn es mir hilft, dann ja! Sie sind doch der Arzt!“ Jedoch erhielt ich weiterhin kein Insulin. Nach monatelangen Kämpfen wechselte ich den Arzt – erst dann wurde die richtige Diagnose gestellt und die Behandlung erfolgreich angepasst. Denn ich hatte gar keinen Typ 2 Diabetes und mein Zustand war auf eine Autoimmunerkrankung zurückzuführen, die Typ 1 Diabetes genannt wird.
Fehlerhafte Einschätzung beim Augenarzt:
Während meines ersten Routinechecks beim Augenarzt, der nach der Typ 1-Diagnose von meiner Diabetes-Ärztin verordnet wurde, sagte man mir nach der Untersuchung: „Alles gut mit Ihren Augen. Bislang keine Folgen Ihres Typ 2 Diabetes.“ Ich fragte den Arzt überrascht, wieso er von Typ 2 sprach. „So steht es in Ihrer Akte, so haben Sie es doch bei der Aufnahme angegeben." Jedoch fragte mich bei der Aufnahme am Empfang dieses Augenarztes niemand nach dem Typ. "Dann wurde es wohl so eingetragen, weil die Erkrankung erst in Ihrem Alter neu diagnostiziert wurde.“Welch eine unhinterfragte Fehlannahme! Wenigstens in den Patientenakten sollten die Informationen korrekt sein, nicht aufgrund des Alters erfolgen oder auf (falschen) Vermutungen basieren.
Diabetes Typ 1 bei Erwachsenen auf dem Vormarsch
Eine australische Studie vom Oktober 2022 prognostiziert nicht nur, dass sich die Fälle von Typ 1 Diabetes bis 2040 verdoppeln könnten. Sie räumt zudem mit dem Vorurteil des "juvenilen Diabetes" auf, denn mittlerweile liegt das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose bei 29 Jahren. Zudem zeigen die Studienergebnisse, dass über 60 % der Neuerkrankten Erwachsene sind. (https://www.pharmazeutische-zeitung.de/weltweite-verdoppelung-der-typ-1-diabetes-faelle-bis-2040-138211/)
Deutschland ganz vorne dabei – bei den Fallzahlen
Die steigenden Fallzahlen erhöhen die Dringlichkeit, die Unterschiede zwischen den Diabetestypen zu verstehen und nicht auf veraltete Stereotype zu setzen. Das gilt nicht nur für die gesellschaftliche Wahrnehmung, das gilt vor allem für die Ärzte in Deutschland. Denn während Deutschland bei den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt auf Platz 19 liegt, haben wir es bei Typ 1 Diabetes unter die Top 5 geschafft (https://de.statista.com/infografik/31239/geschaetzte-anzahl-der-typ-1-diabetikerinnen/). So viel Unwissen können wir uns eigentlich gar nicht leisten.



