Und plötzlich spielen die Werte verrückt.

In manchen Wochen habe ich durchschnittliche Blutzuckerwerte von 130 mg/dL mit >80 % im Zielbereich. Voll überschwänglichen Stolzes denke ich, ich hätte es drauf und den Dia-Code geknackt. Und während ich mich freue, spielen die Werte plötzlich wieder verrückt. Und nichts hilft, egal was ich versuche.

Die drei Tage des 'Blutzucker-Horrors'

In solchen Wochen erliege ich der Illusion, das System der Insulinpens verstanden zu haben, so wunderbar wie alles funktioniert. Bis es dann eines Tages plötzlich und völlig unerwartet nicht mehr tut. Leider passiert es dann auch nicht nur bei einer Mahlzeit, sondern den ganzen Tag, die gesamte Nacht, dann den nächsten Tag und ich bin ratlos. Warum sind bei einem Frühstück mit standardmäßig 2 Insulineinheiten plötzlich 5 Einheiten zu wenig? Wenn sich die Schwankungen bis in den zweiten Tag hinein ziehen, ohne dass ich dafür logische Gründe finden könnte, ist die wahrscheinlichste Antwort: Etwas läuft schief im Staate Basalinsulin.

Wo liegt das Problem?

Das Basalinsulin gewährleistet die essenzielle Wirkung unseres Insulins für drei Tage und wird, anders als Bolusinsulin, täglich einmalig und in derselben Menge eingenommen. Auch nur ein einziger Wegfall des Basalinsulins sorgt bei uns Typ 1ern für drei Tage Gluko-Kicks oder zumindest einen stark erhöhten Bedarf an Bolusinsulin.

Im Nachhinein kann ich natürlich nicht mit absoluter Sicherheit beurteilen, ob ich plötzlich und unerwartet das Basalinsulin abends vergessen habe oder eben nicht. Ich habe dafür, wie für alle meine wichtigen Diabetes-Aspekte, eine verlässliche Abendroutine, bei der das eigentlich nicht vorkommen kann. Das Basalinsulin zu vergessen, wäre vergleichbar mit dem Weglassen des Zähneputzens. Eigentlich unmöglich. Und dennoch läuft da etwas schief ...

Ist mehr Bolusinsulin die Lösung?

So ein Vorfall ist insofern eine schwierige Situation, als dass man als Betroffener erst einmal merken muss, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt – und man nicht bloß mal die Insulinmenge falsch berechnet hat. Dann sollte man die Situation 1-2 Tage beobachten, um sicher zu sein, dass keine anderen Faktoren im Spiel sind. Erst dann ist es empfehlenswert, die Bolus-Dosis zu erhöhen, sonst riskiert man eventuell gravierende Unterzuckerungen. Nach drei Tagen kommt jedoch das entscheidende Momentum: Plötzlich ist alles wieder beim Alten, man sollte sofort mit der zusätzlichen Bolus-Dosis aufhören und wieder zum „normalen“ Spritzen zurückkehren. Keine einfache Aufgabe. Denn wenn man nicht weiß, an welchem Abend das Basalinsulin vergessen wurde, dann ist es quasi unmöglich, den richtigen Zeitpunkt festzustellen, an dem die Normalität wieder einkehrt.

Staut sich da was?

Zu den Ursachen solch unangenehmerer Vorfälle habe ich jedoch einen weiteren Verdacht als das eigene Vergessen: Da meine Basal-Routine wie Zähneputzen funktioniert, bin ich mir sicher, dass ich bei vielen dieser Vorfälle kein Basalinsulin vergessen hatte. Zuletzt fiel mir mehrfach auf, dass den drei Tagen des Blutzucker-Horrors ein Vorfall beim Spritzen voraus ging, den ich mir nicht erklären kann: Das Herausdrücken des Insulins aus dem Bolus-Pen verlief schwerfälliger als sonst, fast so, als würde der Auslöser klemmen. Als es neulich wieder passierte, drehte ich die Pen-Nadel ab und roch daran, denn das Insulin hat einen recht strengen Geruch. Ich vernahm nicht nur diesen, ich merkte zudem, dass Insulin heraus tropfte.

Mein Verdacht: anscheinend blieb das Insulin zwischen Pen und Nadel stecken. Ich traute mich nicht, das Spritzen zu wiederholen, um keine doppelte Dosis zu riskieren. Aber tatsächlich folgten anschließend die erwarteten drei Tage des Blutzucker-Horrors mit gravierenden Gluko-Kicks.

Wo liegt der Fehler?

Entsteht das Problem beim evtl. schiefen Verschrauben der Nadel, beim Winkel meines Spritzens, wenn ich auf den Auslöser drücke oder ist irgendwas fehlerhaft und bei der Nadel liegt ein Materialfehler vor? Eine Antwort auf diese Fragen habe ich leider nicht. Ich weiß nur, dass ich jeden Tag eine neue Nadel auf den Pen schraube, seit 2019 sollte ich darin schließlich geübt sein. Ich spritze vorneweg zwei Einheiten raus, um Luftbläschen zu vermeiden – prüfe jedoch nicht immer, ob tatsächlich auch Flüssigkeit aus der Nadel kam. Ich spritze das Insulin stets in einen der beiden Oberschenkel, mal links und mal rechts. Und ich lagere den Pen im Kühlschrank, da er sonst seine Wirkung sehr schnell verliert.

Das Rätsel bleibt

Was genau da schief läuft, bleibt für mich weiterhin ein Rätsel. Jedoch haben vielleicht auch andere Typ 1er diese Probleme und können sich diese Vorfälle ebenso wenig erklären wie ich. Daher Obacht, wenn sich der Auslöser des Pens schwerfällig anfühlt oder anders verhält, als man es gewohnt ist. Dann sollte man an den folgenden drei Tagen gut beobachten, wie sich das Zusammenspiel von Nahrungsaufnahme und Insulinwirkung verhält und ggf. unerwartete Gluko-Kicks entstehen.

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