Typische Gluko-Drops (Teil 1): Wenn Nachspritzen zur Falle wird

Vier Stunden nach einem Snack lag mein Blutzucker trotz Insulinspritze bei über 400 mg/dl. Schon wenige Stunden später kämpfte ich jedoch mit einer starken Unterzuckerung. Was war passiert? Genau dieses Erlebnis brachte mich auf die Spur eines Musters, das mir bis heute hilft, ähnliche Situationen deutlich besser einzuschätzen.

Ein Urlaub, der vieles verändert hat

In den ersten Jahren nach meiner Typ 1 Diagnose war ich im Türkeiurlaub. Für eine Schifffahrt kaufte ich mir mittags ein Açma – ein türkisches Hefegebäck, das ein wenig an ein Croissant erinnert. Vor dem Ablegen spritzte ich wie gewohnt mein Insulin und aß das Gebäck direkt zu Beginn der vierstündigen Fahrt. Als ich kurz vor der Ankunft wieder aufwachte, folgte der Schock: Mein Blutzucker lag bei über 400 mg/dl. Trotz Insulin.

Wie vermutlich viele Menschen mit Typ 1 Diabetes in dieser Situation ging ich davon aus, dass ich mich verschätzt hatte. Also korrigierte ich den Wert mit zusätzlichem Insulin.

Nach der Ankunft in Istanbul brachten wir die Koffer heim und freuten uns auf einen entspannten Abend in der Stadt. Noch bevor wir unser Ziel erreichten, fiel mein Blutzucker plötzlich so stark ab, dass ich kaum noch gehen konnte. Ich ging in das erstbeste Lokal, das Weißbrot hatte, und versuchte den Unterzucker möglichst schnell in den Griff zu bekommen. Der Anblick hatte sicher was vom Krümmelmonster. Kurz darauf schoss der Blutzucker wieder deutlich nach oben und blieb den Rest der Nacht auch so. Nochmals zu korrigieren traute ich mich da nicht mehr.

Bis heute gehört dieses Erlebnis zu den heftigsten Gluko-Drops, die ich seit meiner Diagnose erlebt habe. Gleichzeitig war es aber auch der Beginn einer Entwicklung, die mein Diabetesmanagement nachhaltig verändert hat. Schon damals hatte ich den Verdacht, dass nicht meine Berechnung das eigentliche Problem war. Irgendetwas an diesem Gebäck schien einen Mechanismus auszulösen, den ich damals noch nicht verstand.

Vom Açma-Effekt zur dia-bolischen Triade

Wir nannten solche Verläufe damals scherzhaft den Açma-Effekt. Nicht, weil wir bereits eine Erklärung hatten, sondern weil mir genau dieses Gebäck immer wieder ähnliche Blutzuckerverläufe bescherte. Mit den Jahren bemerkte ich jedoch, dass das nicht nur nach einem Açma passierte. Auch Pizza, Burger mit Pommes, Croissants oder Lasagne führten bei mir häufig zu demselben Muster. Der Blutzucker blieb lange erhöht, ich wurde ungeduldig und spritzte nach. Stunden später folgte dann der Gluko-Drop.

Ich begann deshalb, meine Mahlzeiten genauer zu beobachten. Welche Zutaten hatten diese Lebensmittel gemeinsam? Warum funktionierten manche Gerichte problemlos, während andere regelmäßig in einem Blutzuckerchaos endeten?

Aus diesen Beobachtungen entstand später der Begriff der dia-bolischen Triade – die Kombination aus Stärke, Zucker und Fett, die bei vielen Menschen mit Typ 1 Diabetes langanhaltende und schwer vorhersehbare Blutzuckerverläufe verursachen kann. Den genauen Mechanismus habe ich bereits im Artikel zur dia-bolischen Triade beschrieben (https://www.dia-mo.org/dia-bolische-triade).

Für mich war diese Erkenntnis ein Wendepunkt. Vor allem lernte ich, hohe Blutzuckerwerte nicht mehr automatisch als Zeichen von zu wenig Insulin zu interpretieren.

Hohe Werte bedeuten nicht immer zu wenig Insulin

Genau hier liegt aus meiner Erfahrung eine häufige Falle: Drei oder vier Stunden nach dem Essen zeigt das Messgerät immer noch Werte von über 200 mg/dl. Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: Ich habe zu wenig Insulin gespritzt.

Bei Mahlzeiten aus der dia-bolischen Triade muss das jedoch nicht zwangsläufig stimmen. Durch die verzögerte Verdauung, vor allem bei Bewegungsmangel, gelangen Kohlenhydrate häufig noch über viele Stunden ins Blut. Wer in dieser Situation vorschnell nachspritzt, erhöht unter Umständen nicht nur die Insulinmenge, sondern verschiebt das eigentliche Problem zeitlich nach hinten. Der hohe Wert verschwindet zunächst nicht, später kann der Blutzucker dafür umso stärker abfallen.

Genau dieser Kreislauf aus hohen Werten, Nachspritzen und anschließenden Gluko-Drops begleitet viele Betroffene immer wieder.

Drei typische Situationen aus dem Alltag

  1. Ein klassisches Beispiel ist die Pizza am Abend. Man trifft sich mit Freunden, genießt den Abend und geht anschließend direkt nach Hause. Vor dem Schlafengehen sind die Werte häufig noch erhöht. Aus Sorge vor einer Nacht mit hohen Werten wird schnell noch einmal nachgespritzt. Genau dadurch kann das Risiko für nächtliche Gluko-Drops steigen.

  2. Ähnlich erlebe ich es bei Burgern mit Pommes oder einer Lasagne in der Mittagspause. Nach dem Essen geht es zurück an den Schreibtisch. Stunden später sind die Werte immer noch hoch und man korrigiert. Erst nach Feierabend, wenn Bewegung hinzukommt, entfaltet das zusätzliche Insulin seine volle Wirkung und der Blutzucker fällt plötzlich deutlich stärker als erwartet.

  3. Auch ein süßes Frühstück mit Croissants und Marmelade kann diesen Verlauf begünstigen. Sitzt man anschließend mehrere Stunden im Büro oder Homeoffice, bleiben die Werte häufig länger erhöht. Verbringt man den Tag nach einem solchen Frühstück hingegen mit Sightseeing, Spazierengehen oder anderen Aktivitäten, kann dieselbe Mahlzeit aufgrund der Bewegung deutlich besser verarbeitet werden.

Situative Optionalität statt Verzicht

Die wichtigste Konsequenz aus diesen Erfahrungen war für mich nicht, bestimmte Lebensmittel zu verbieten. Ich esse bis heute Pizza, wenn auch nur einmal im Quartal. Allerdings stets mittags statt abends. Dann bleibt genügend Zeit für Bewegung und ich gehe mit einem deutlich besseren Gefühl schlafen.

Neue oder schwer einschätzbare Lebensmittel teste ich ebenfalls möglichst tagsüber und nicht am Abend. So kann ich beobachten, wie mein Körper darauf reagiert, und muss mich nicht ausgerechnet nachts mit unerwarteten Blutzuckerverläufen herumschlagen.

Aus dieser Überlegung entstand später das DiaMo-Prinzip der situativen Optionalität. Nicht jedes Lebensmittel passt zu jeder Situation. Entscheidend ist deshalb häufig nicht nur, was wir essen, sondern auch wann.

Mein persönliches Fazit

Seit dem Türkeiurlaub gilt für mich eine einfache Regel: Lieber beobachte ich einen erhöhten Blutzucker noch etwas länger, als vorschnell nachzuspritzen und dadurch schwere Gluko-Drops zu riskieren. Das ist keine allgemeingültige Empfehlung, sondern eine Strategie, die sich für mich bewährt hat.

Der Açma-Effekt hat mein Diabetesmanagement nachhaltig verändert. Als spätere Folge sind sowohl die "dia-bolische Triade" als auch die "situative Optionalität" entstanden. Beides hilft mir heute dabei, meine Blutzuckerverläufe besser zu planen, einzuordnen und viele kritische Situationen im Alltag zu vermeiden.

Und noch etwas hat sich seitdem verändert: Den Duft eines frisch gebackenen Açma liebe ich bis heute. Die Bäckerei, die sie verkauft, umrunde ich trotzdem lieber großzügig. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass es dort selten bei einem einzigen Bissen bleibt.

Nicht Verzicht hat mein Diabetesmanagement verändert. Sondern das bessere Verständnis dafür, wann bestimmte Lebensmittel gut zu meinem Alltag passen. Nicht jedes Lebensmittel passt zu jeder Situation. Für mich war genau diese Erkenntnis der Anfang eines deutlich entspannteren Lebens mit Typ 1 Diabetes.

Anmerkung:

Je besser wir die unterschiedlichen Ursachen von Gluko-Drops verstehen, desto leicher lassen sie sich im Alltag vermeiden. Deshalb wird dieses Thema auch in späteren Blogbeiträgen wieder aufgegriffen werden.


Juli 2026

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