Irrungen und Wirrungen der Typ 1 Ernährungsempfehlungen

Als mir bewusst wurde, dass der Schlüssel zu niedrigen Blutzuckerwerten auch bei Typ 1 Diabetes in der Ernährungsweise liegt, entschied ich mich zu einer Ausbildung als Ernährungsberaterin. Ich wollte nicht mutmaßen, sondern auch die Auswirkungen der Ernährung verstehen. Nun bin ich zertifizierte Ernährungsberaterin.

Die typischen Fehlinformationen

Meine Zahnärztin fragte mich mal, wie ich trotz meiner Typ 1 Erkrankung so schlank bleibe, denn ihre ebenfalls betroffene Mutter isst wahllos, spritzt entsprechend viel Insulin und wird, im Gegensatz zu mir, immer dicker. Ich erzählte ihr von den, meiner Meinung nach, falschen Annahmen, die uns Typ 1ern mitgegeben werden:

„Du kannst essen, was Du willst. Du musst nur die Anzahl der eingenommenen Kohlenhydrate berechnen, die korrekte Menge Insulin spritzen und dieses sorgt für ausgeglichenen Blutzucker“, war selbst in meiner Reha ein Standardsatz. Oder auch die „7 ‚magische[n]‘ Regeln für Typ-1-Diabetiker“ empfehlen unter 1. „Kohlenhydrat- und ballaststoffreich, aber nicht eiweiß- und fettreich essen – nach BEs berechnet.“ (Müller, Sven-David: Diabetes Ampel, 2016).

Die fatalen Folgen

In einem Beitrag von Stefan Götz und Nicola Haller in der Zeitschrift „Die Diabetologie“ (Götz, Haller: Ernährung und Diabetes mellitus Typ 1. In: Die Diabetologie 20/2024, S. 714-723) wird die frühere Empfehlung einer niedrigen Aufnahme von Kohlenhydraten und Kalorien für Typ 1 Diabetiker thematisiert. Mit der Verbesserung der Diabetestechnologie zeigt sich jedoch ein zunehmend sorgloser Umgang mit der Ernährung bei Typ 1 Diabetes. Das Abschätzen der zugeführten Kohlenhydrate und nicht die Qualität oder Eignung der Mahlzeit sind in den Vordergrund des Diabetesmanagements gerückt. Seitdem nehmen Übergewicht sowie Fälle von Adipositas bei Typ 1 Diabetikern stetig zu und damit auch die weiteren gesundheitlichen Risikofaktoren. Die frühere Annahme, „Dünne haben Typ 1 Diabetes und Dicke Typ 2“, gilt schon lange nicht mehr.

Keine „echten“ Ernährungsempfehlungen für Typ 1

Wenn man zusätzlich die Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft e.V. (DDG) „Empfehlungen zur Ernährung von Personen mit Typ-1-Diabetes mellitus“ von 2020 zurate zieht, erfährt man, „dass die Evidenz für allgemeine Empfehlungen begrenzt ist“ und „das individuelle Testen“ neben den persönlichen Präferenzen „eine geeignete Basis für die individuelle Lebensmittelauswahl und die dazu passende Strategie der Insulinapplikation“ für Typ 1 Betroffene darstelle. Letztendlich sagen uns die zugrundeliegenden Studien, dass jede und jeder einzelne von uns Typ 1ern sein eigener Wissenschaftler mit einer erweiterten Expertise in der Nahrungswissenschaft werden sollte. Denn spezifisch auf die Bedürfnisse von Typ 1 Diabetikern ausgerichtete Ernährungsempfehlungen sind nicht möglich, die Datenlage der Forschung – oder auch das wissenschaftliche Interesse an dem Forschungsgebiet – ist hierfür unzureichend.

Was ich gelernt habe

Selbst in der Ausbildung zur Ernährungsberatung wird der Ernährungsaspekt überwiegend auf übergewichtige Typ 2 Patienten bezogen, denn „eine Ernährungsumstellung ist nach heutigem Kenntnisstand aber nur noch für übergewichtige Typ II Diabetiker von fundamentaler Bedeutung.“ Auch seien „die diätischen Empfehlungen für Diabetiker im Vergleich zu früher sehr liberal und heben sich inzwischen nicht mehr von den allgemeinen Ernährungsempfehlungen für Jedermann ab.“ Es werden ausschließlich allgemeine Ernährungsempfehlungen ausgesprochen ohne Unterscheidung der spezifischen Anforderungen der Krankheitstypen.

Dabei wird eine ballaststoffreiche Ernährungsweise empfohlen, zugleich von hochglykämischen Lebensmitteln, süßen alkoholischen Getränken und Lebensmitteln mit zugleich hohem Fett- und Zuckeranteil abgeraten. Auch sollten Kohlenhydrate in geringeren Mengen über den Tag in bis zu sieben Mahlzeiten verteilt gegessen, dabei die einmalige Zufuhr sehr hoher Mengen an Kohlenhydraten vermieden werden. Die DDG-Praxisempfehlung betont hingegen die Wichtigkeit einer „zielgruppenspezifisch für die verschiedenen (Sub-)Typen des Diabetes mellitus […] getrennte Darstellung [...], da sich die therapeutische Bedeutung der Ernährung jeweils deutlich unterscheidet.“

Meine (philosophische) Erkenntnis

Gelegentlich hörte ich meine Mitmenschen den Satz sagen „wer hätte gedacht, dass Nahrung einen so großen Einfluss auf uns Menschen hat?“. Relativ erstaunt kann ich dazu nur sagen: Was denn sonst, wenn nicht die Nahrung? Nichts ist so elementar in unserem Leben wie die Qualität, die Art und Weise von Lebensmitteln, die wir zu uns nehmen. Als Ernährungsberaterin kann ich noch ergänzen: Die Nahrungsaufnahme und Nahrungsausscheidung sind die beiden kleinsten gemeinsamen Nenner, die wir zum tatsächlichen Überleben benötigen – ALLES andere ist optional. Die Nahrung ist es nicht.

Auch wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur richtigen Ernährungsform bei Typ 1 Diabetes fehlen und gefühlt jede Quelle dazu etwas anderes schreibt, so sind die zunehmenden Fälle von Übergewicht und Adipositas bei Typ 1 Diabetes, inklusive gestiegener gesundheitlicher Risikofaktoren, sehr besorgniserregend und sollten uns die eigene Verantwortung für unseren Körper und unsere Gesundheit vor Augen führen. Und die Ernährung, da bin ich überzeugt, ist der entscheidende Schlüssel dazu.

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