„Dafür habe ich keine Zeit“ und was das über Selbstachtung sagt

„Ich habe schon genug andere Baustellen.“ „Meine Kinder haben Vorrang.“ „Dafür habe ich gerade wirklich keine Zeit.“ Solche Sätze kennen vermutlich viele Menschen mit Typ 1 Diabetes. Doch wer die Erkrankung bewusst hintenanstellt, riskiert die eigene Gesundheit. Und es stellt sich die Frage: Welchen Stellenwert hat diese im eigenen Leben?

Vernachlässigung von Typ 1 Diabetes: ein Mangel an Selbstachtung?

Klingt hart? Ist aber so. Zumindest dann, wenn wir unsere Erkrankung dauerhaft ignorieren und uns selbst immer wieder auf später vertrösten.

„Ich muss mich um meine Kinder kümmern und nicht um mich.“ „Das will ich mir nicht auch noch aufhalsen.“ Oder mein Favorit: „Mein Leben lasse ich mir doch nicht von anderen vorschreiben.“

Je aktiver ich mich mit DiaMo zeige, desto öfter höre ich solche Aussagen. Zuerst wunderte ich mich, was an meinem Feldzug für mehr Typ-1-Gesundheit so viele Menschen derart triggert. Dann fiel mir ein Satz ein, den ich vor fast 20 Jahren während meiner Forschungstätigkeit von einem erfolgreichen Geschäftsführer hörte: Wenn wir sagen, wir hätten für etwas keine Zeit, bedeutet das eigentlich nur, dass wir andere Dinge höher priorisieren.

Und das führte mich zum nächsten Gedanken: Was bedeuten andere Prioritäten, wenn es um die eigene Gesundheit geht? Mangelnde Selbstachtung? Angst vor Veränderung? Und dann fiel mir mein Lieblingsökonom ein. Ich oute mich hiermit offiziell als Groupie.

Veränderung beginnt mit Zerstörung

Der Ökonom Joseph Schumpeter machte den Begriff der schöpferischen Zerstörung bekannt. Er beschreibt einen Prozess, bei dem Neues entsteht, indem bestehende Strukturen verändert oder abgelöst werden. Was nach Wirtschaft und großen Umbrüchen klingt, lässt sich auch auf das Leben mit Typ 1 Diabetes übertragen.

Eine Diagnose verändert das Leben. Gewohnheiten, die vorher funktioniert haben, müssen plötzlich hinterfragt werden. Essen, Bewegung und Alltag bekommen neue Bedingungen. Das Vertraute gibt Sicherheit. Veränderung kostet Kraft und birgt das Risiko, Fehler zu machen. Und Fehler erzeugen bei uns Menschen allzu oft Frust und führen zur Aufgabe.

Wer etwas verändern will, sollte deshalb nicht gleich sein gesamtes Leben umkrempeln. Dazu gibt es schließlich ganze Bibliotheken voller Bestseller. Aber manchmal müssen alte Gewohnheiten weichen, damit neue entstehen können, die besser zu den eigenen Bedürfnissen passen.

Denn einfach weiterzumachen wie bisher ist keine Lösung, wenn das gewohnte Vorgehen nicht mehr trägt. Zumindest dann nicht, wenn wir auch mit 70 Jahren noch mobil und selbstbestimmt mit unserem Diabetes leben wollen.

Keine Zeit ist auch eine Entscheidung

Natürlich haben wir alle Verpflichtungen. Kinder, Beruf, Familie oder wichtige „Baustellen“ verschwinden nicht, nur weil wir Typ 1 haben. Und manchmal ist die Belastung tatsächlich so groß, dass kaum noch Kraft für zusätzliche Aufgaben bleibt.

Trotzdem bleibt eine unbequeme Frage: Welchen Stellenwert gebe ich mir selbst?

Wenn wir die eigene Gesundheit dauerhaft hinten anstellen, weil alles andere wichtiger erscheint, sagt das etwas über unsere Prioritäten aus. Selbstachtung bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich die Aufmerksamkeit zuzugestehen, die man braucht.

Das heißt nicht, jeden Blutzuckerwert perfekt im Zielbereich halten zu müssen oder jeden Tag vorbildlich mit Diabetes umzugehen. Es bedeutet, die eigene Erkrankung als Teil des Lebens anzunehmen und Wege zu finden, mit ihr so umzugehen, dass dies langfristig funktioniert.

Typ 1 Diabetes lässt sich derzeit nicht heilen. Eine gute Versorgung kann aber dazu beitragen, gesundheitliche Risiken zu senken und die Lebensqualität zu erhalten. Dafür braucht es zunächst Akzeptanz der Erkrankung und ihrer Auswirkungen auf das eigene Leben. Hinzu kommen Wissen, was zum Alltag passt, ein Verständnis für die Zusammenhänge und die Fähigkeit, aus eigenen Erfahrungen zu lernen. Mit passenden Entscheidungen und Routinen lässt sich Schritt für Schritt eine Struktur entwickeln, die den Diabetes in den real existierenden Alltag einbindet, ohne dass er zum Hauptdarsteller wird.

Was darf sich verändern?

Wer merkt, dass der eigene Diabetes im Alltag zu kurz kommt, braucht keine zusätzlichen Vorwürfe. Entscheidend ist herauszufinden, was sich ändern lässt. Vielleicht hilft eine neue Routine. Vielleicht braucht es bessere Informationen, Unterstützung durch Mitmenschen oder eine Entlastung an anderer Stelle.

Schöpferische Zerstörung bedeutet nicht, das eigene Leben auf den Kopf zu stellen. Es bedeutet, Gewohnheiten loszulassen, die nicht mehr tragen, damit etwas Besseres entstehen kann.

Und wenn die Belastung zu groß geworden ist, gehört auch dazu, sich Hilfe zu holen. Das ist kein Zeichen mangelnder Selbstachtung, sondern kann eben ein Ausdruck davon sein.

Gerade weil der Alltag oft fordernd ist, braucht die eigene Gesundheit Aufmerksamkeit. Das Ziel bleibt ein Leben, das von persönlichen Wünschen und Werten gelenkt wird. Und nicht von der Diagnose Diabetes.

Quellen

Bundeszentrale für politische Bildung – Schöpferische Zerstörung: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20588/schoepferische-zerstoerung

diabinfo – Diabetes Typ 1 im Alltag: https://www.diabinfo.de/leben/typ-1-diabetes/diabetes-im-alltag.html

S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes – Deutsche Diabetes Gesellschaft: https://register.awmf.org/assets/guidelines/057-013l_S3-Therapie-Typ-1-Diabetes_2023-09_1.pdf


Oktober 2026

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